In Kürze
Worum geht es in dem Podcast?
Prof. Dr. med. Kirsten Müller-Vahl, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, ordnet in diesem Trailer die aktuelle Evidenz zum Einsatz von Cannabinoiden bei Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ein. Als langjährige Cannabinoid-Forscherin – bekannt vor allem durch ihre Pionierarbeit zu Tourette und THC – verortet sie ADHS als ein Indikationsgebiet mit hoher Patientennachfrage, aber dünner Studienlage. Selbsttherapie mit Cannabis ist in dieser Patientengruppe verbreitet, kontrollierte randomisierte Evidenz dagegen rar.
Im Trailer skizziert Müller-Vahl die wichtigsten verfügbaren Datenquellen: einen finnischen Fallbericht mit fünfjähriger Therapiedauer, eine Drei-Fall-Serie mit zusätzlichem Effekt auf depressive und Angstsymptome als typische Komorbiditäten, die deutsche Fallserie von Franjo Grotenhermen und Eva Milz mit 30 Patienten sowie die in England durchgeführte, GW-finanzierte Nabiximols-Studie. Diese kontrollierte Studie verfehlte ihren primären Endpunkt, zeigte aber in sekundären Endpunkten Verbesserungen von Hyperaktivität, Impulsivität, Inhibitionskontrolle und Unaufmerksamkeit – ein methodisch unsauberes, klinisch aber relevantes Signal.
Ein zweites Kernthema ist die Sicherheit bei jüngeren Erwachsenen und Jugendlichen. Müller-Vahl verweist auf eine Übersichtsarbeit, die langfristige Veränderungen in neuropsychologischen Tests bei jugendlichen ADHS-Patienten unter Cannabis untersucht hat – ohne robuste Belege für nachhaltige Schäden. Der Vortrag adressiert damit gezielt einen verbreiteten Mythos und plädiert für eine sachliche, vorurteilsfreie Bewertung der Datenlage. Im vollständigen Beitrag beim Circle of Experts 2026 vertieft die Referentin Dosierung, Wirkmechanismus über das Endocannabinoid-System und differenzialtherapeutische Überlegungen für die Praxis.
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Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel
Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Im Circle of Experts beleuchtet er ethische Aspekte der Medizinalcannabis-Therapie und plädiert für realweltliche Studien.

Prof. Dr. med. Thomas Herdegen
Prof. Dr. med. Thomas Herdegen ist Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, langjähriger stv. Leiter des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie am UKSH Kiel. Mitautor der Praxisleitlinie Cannabis und Träger des Deutschen Schmerzpreises 2024.

Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander
Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander ist Facharzt für Allgemein- und Suchtmedizin, leitet das Kompetenzzentrum K.C.M. Hannover für Cannabismedizin und ist Präsident der Deutschen Medizinal-Cannabis-Gesellschaft (DMCG). Lehrbeauftragter zu Suchtmedizin, Psychopharmakologie und Cannabismedizin.

André Ihlenfeld
Dr. André Ihlenfeld ist Facharzt für Anästhesiologie und Schmerzmediziner sowie medizinische Leitung bei Copeia, wo er Projekte zur patientenbezogenen Datenerfassung unter Cannabistherapie verantwortet (u.a. Physicians Experience Platform). Co-Autor von Publikationen zu Cannabisarzneimitteln.
Weitere Informationen
- [00:10] — Einordnung eines finnischen Fallberichts zur Langzeit-Cannabinoid-Therapie bei ADHS.
- [00:33] — Mehrheit der ADHS-Patienten beschreibt Cannabis als therapeutisch nutzbar in Selbstberichten.
- [01:15] — Diskussion der Fallserie Grotenhermen/Milz (n=30) und ihrer methodischen Grenzen.
- [01:46] — Nabiximols-Studie England: primärer Endpunkt verfehlt, sekundäre Endpunkte überwiegend positiv.
- [02:42] — Übersicht zur aktuellen Studienlage neuropsychologischer Sicherheitsdaten.
- [03:15] — Diskussion der Rolle von THC in der ADHS-Evidenzdebatte.
Im Bereich ADHS kann man heutzutage immer noch einzelne Fallberichte publizieren. Das kann man immer dann, wenn es wenig Daten gibt, weil sonst wird das in keinem Journal mehr angenommen. Hier ein Fallbericht aus Finnland, wo immerhin eine Therapiedauer von fünf Jahren beschrieben wird, in der stabil mit einer konstanten Dosis ein positiver Effekt für verschiedene ADHS-Symptome erzielt werden konnte. Wenn man das nun etwas genauer anguckt und Patienten befragt: Wenn du ADHS hast, nimmst du Cannabis und wie schätzt du selber das ein? Dann sagt die Mehrzahl der Personen: Ja, das hat für mich therapeutisch Nutzen. Aber es gibt auch Personen, die natürlich sagen, für mich hat es auch Probleme. Es scheint also eine gewisse Überlappung hier im Bereich ADHS zu geben.
Dann haben wir eine weitere Studie, die drei Fallberichte zusammenfasst, und hier wird berichtet, dass sich nicht nur in der Studie eine Veränderung der ADHS-Symptomatik beschrieben wird, sondern auch andere Symptome wie zum Beispiel depressive Symptome oder Angstsymptome – häufige weitere Komorbiditäten, wie wir sie bei diesen Patienten sehen. Dann gibt es eine Fallserie, die nur in Abstract-Form veröffentlicht wurde, schon relativ lang her, von Franjo Grotenhermen und Eva Milz. Die beschreiben eine Gruppe von 30 Patienten und berichten, dass es zu einer umfänglichen Symptomverbesserung kam und insbesondere zur Einsparung typischer anderer ADHS-Medikamente. Und Sie sehen schon: N gleich 30, das ist jetzt nicht wirklich berühmt.
Was haben die Kollegen gemacht? Das ist eine kontrollierte Studie, die in England durchgeführt wurde. Finanziert wurde sie von GW, der Firma, die Nabiximols herstellt, ist aber eine unabhängige Studie gewesen. Formal ist das eine negative Studie, weil sie ihren primären Endpunkt nicht erreicht hat. Und auch das ist eine Studie, die, wenn Sie die Literatur durchgucken, mal positiv und mal negativ bewertet wird. Man kann entweder formal sagen, der primäre Endpunkt wurde nicht erreicht, pups, dann ist man eben formal eine negative Studie. Aber es gab natürlich wie in jeder Studie zahlreiche sekundäre Endpunkte, und die wurden tatsächlich überwiegend erreicht, indem nämlich gezeigt werden konnte, dass Einzelsymptome – Hyperaktivität, Impulsivität, Inhibitionskontrolle, Unaufmerksamkeit – sich dann doch verbesserten. Und wenn man da hinguckt, dann kann man auch sagen: Naja, formal negativ, aber sie hat durchaus positive Aspekte.
Was wäre noch wichtig, wenn wir uns jetzt tatsächlich trauen, Menschen mit ADHS mit Cannabinoiden zu behandeln? Tun wir gerade bei jüngeren Erwachsenen und Jugendlichen etwas Schlechtes? Hier gibt es eine Übersichtsarbeit, die mal geguckt hat, ob es langfristig Veränderungen in neuropsychologischen Tests gibt, wenn Jugendliche mit ADHS Cannabis einnehmen – und die Antwort ist nein. Hierfür gibt es keine robuste Datenlage. Es gibt ja viele Mythen, die zu Cannabis im Raum sind. Und auch das ist sicherlich ein Mythos, dass man automatisch immer sagt: Wer das macht, der tut seinem Gehirn langfristig etwas Schlechtes. Aber die Daten geben das tatsächlich so nicht her, wenn man da mal wirklich vorurteilsfrei und sachlich drauf guckt.
Damit komme ich zu meiner Zusammenfassung: Ja, viele Menschen mit ADHS nehmen Cannabis als Selbsttherapie ein. Die Studienlage ist aber sehr, sehr dünn. Ich denke, wenn wir von positiven Effekten sprechen, dann kommt es sicher vom THC.







